Thema 2019
Thema 2019  „Macht und Ohnmacht“

2019 jähren sich die prägenden Ereignisse des Jahres 1989, der friedliche Aufstand eines Volkes zum 30. Mal. Ein für Europa ebenso bedeutendes Umbruchsjahrzehnt begann 230 Jahre zuvor in Frankreich. Was eint diese denkwürdigen Momente europäischer Geschichte, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen bildeten den Nährboden, in welchem Verhalten suchte der Einzelne nach Antworten?

Umbrüche werden stets von vorausgehenden Spannungsverhältnissen eingeleitet. Die Parolen der französischen Revolution „Liberté, egalité, fraternité“ wurden zu Parolen von Menschen, die sich einer absolutistisch herrschenden Klasse entledigen wollten, um demokratische Grundrechte zu erstreiten. Die Bürger der DDR fanden sich in Ohnmacht zusammen, um nicht mit Schwertern und Waffen, sondern als Gemeinschaft, als ein Volk sich gegen eine Machtelite aufzulehnen und bürgerliche Freiheit und Demokratie zu erlangen.

Macht und Ohnmacht – diesem gewichtigen Gegensatz – oft genug Auslöser für geistige, gesellschaftliche oder politische Umbrüche, will das Ensemble Consart mit seinem Konzertprogramm 2019 nachgehen. Die Auseinandersetzung findet auf musikalischer Ebene unter Einbeziehung von weltlichen und geistlichen Kompositionen statt.

Der musikalische Leitgedanke ist das spannungsvolle Gegenüberstellen von Gegensätzen – Aktivität und Passivität. Das revolutionäre Aufbegehren – als aktives Heraustreten aus einem gesellschaftlichen Ohnmachtsgefühl, das Aufbegehren mit dem Ziel der Befreiung aus diktatorischen oder elitären Machtgefügen, der Aufbruch aus einem lähmenden Zwang hinüber in die Freiheit. Als einleitendes musikalisches Sinnbild dafür steht die Hymne à la Liberté, verfasst von dem für die Französische Revolution brennenden Komponisten F.-J. Gossec. Die Hymne ist ein festlich zeremonielles Standardwerk, das der im Kampf errungenen Freiheit huldigt.

Das aktive Aufbegehren wird überdeutlich erhöht in Schostakowitschs Vertonung von Revolutionsgedichten im Gedenken der Aufstände in Russland 1917. Klang- und sprachgewaltig ist das Revoltieren eines Volkes illustriert. Aus Ohnmacht entwickelt sich Machtrausch. Das aktive Aufbegehren, weniger als Gruppenerleben, sondern in intimer gedanklicher Zwiesprache eines Einzelnen versinnbildlicht das um 1780 entstandene Lied Die Gedanken sind frei, das seit seiner Entstehung immer wieder der Gewissheit Ausdruck verleiht, dass die Ohnmacht dem Denkenden  einer allmächtigen und nicht einschränkbaren Freiheit im Geiste weichen muss.

In eine ebensolche innere Versenkung fügt sich ein Instrumentalstück (NN) ein. Als Pendent wird dem aktiven, extrovertierten Aufbegehren, dem tätigen Aufstand die passive, vergeistigte Auseinandersetzung mit Ohnmachtsgefühlen im Glauben gegenübergestellt, die von der Überzeugung getragen wird, dass Seelenheil und die Erlösung aller Marter im Irdischen nur durch den unerschütterlichen Glauben und der steten Ausgehung im Gebet zu erlangen ist.

Alfred Schnittkes Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner ist eine Vertonung des Jesusgebets oder auch immerwährendes Gebet genannt, das vor allem in den orthodoxen Kirchen weit verbreitet durch stete Wiederholung meditative oder auch mantrische Wirkung und Eingang in einen vertieften Glauben entfaltet. Die Motetten von Rheinberger Anima nostra – Unsere Seele und Schütz Unser Wandel ist im Himmel bauen in eben diesem Maße auf die Wandlung irdischer Unzulänglichkeiten in Gottes Reich.

Eine Brücke zwischen beiden Welten schlägt die Kantate von J. S. Bach Wo Gott der Herr nicht bei uns hält und ist damit Leitbotschaft des Programms. Die Vertonung eines Teils der Bergpredigt und der Matthäusverse fordern auf, sich im Leben den Mächtigen und dem Unrecht entgegenzustellen, nicht jedoch im törichten Zorn, sondern im festen Glauben und Entschlossenheit, dabei in Bedachtsamkeit und in Menschlichkeit handelnd.

Eben diese Überzeugung hat die Revolution 1989 im Gegensatz zu vielen anderen historischen Ereignissen zu einem friedlichen Umbruch werden lassen und es ist unerlässlich, sich diese Geschehnisse stetig zu vergegenwärtigen. Ein kollektives Gedächtnis ist tragende Grundlage menschlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft denn „Alle Erinnerung ist Gegenwart“ (Novalis).

Und wird im Eingangsstück gleichsam als Prolog das Kommen und Gehen von Menschengeschlechtern, das wiederholende Moment von Geschichte, das immer wiederkehrende Wechselspiel von Sonnenlicht und Leid in dem Stück Drömmarna  von J. Sibelius aufgezeigt, so kann das Programm nur schließen mit dem zeitlosen Wunsch nach Frieden – Dona nobis pacem.