Thema 2018
Sehnsucht und Realität – Jerusalem zwischen Himmel und Erde

Was bedeutet einem geflüchteten Syrer Europa? Welche Wünsche und Hoffnungen werden darauf gesetzt? Welche Probleme angesichts Euro-Rettungsschirm und „Flüchtlingskrise“ verbinden andere Menschen damit? Wie ist es nun wirklich?

Alle Menschen suchen Projektionsflächen für ihre Hoffnungen. Auch in den alten biblischen Texten finden wir das Spannungsverhältnis von Sehnsucht und Realität beleuchtet. Ausgehend von den Wallfahrtspsalmen und der Vision der Völkerwallfahrt beim Propheten Jesaja wird hier „Jerusalem“ zur Chiffre des hohen Ideals, dass eine Gesellschaft möglich ist, in der Menschen gleich welcher Herkunft zu gemeinsamen Zielen ihres Glaubens finden. Doch schon die Tora kennt die Verwirrung zwischen „rechtem“ und „falschem“ Glauben, die in die Katastrophe der Zerstörung führen kann. So beweint der Prophet Jeremias in den Klageliedern das zerstörte Jerusalem, das auch zur Chiffre des gescheiterten Zusammenlebens im Glauben wird. Das Scheitern oder der immer wieder erlebte Missbrauch, das hohe Ideal in erzwungene Lebensvollzüge umzusetzen bedeuten aber nicht, dass die Lösung dieser Spannung im Aufgeben des Ideals oder, religiös formuliert, im Aufgeben des jeweiligen Glaubens besteht.

In dieser Spannung und Herausforderung befinden sich moderne Gesellschaften. Das moderne und doch so historische Jerusalem verdichtet diese Spannung architektonisch. Religion wird hier zum Hauptthema. Individuelle, zersplitterte Erfahrungen der Realität und die Begrenztheit eigenen Wirkens in ein großes Ganzes zu integrieren, ist die Verheißung der religiösen Weltsicht. Mit dieser mystischen Erfahrung der Integration in Verbindung zu stehen, ist es, was den Reiz von aus dem Glauben heraus entstandener Musik ausmacht – ein Reiz, der sich auch Menschen ohne konkretisierten Glauben erschließt. Ein Sehnsuchtsort lässt unser Verlangen zu Wort kommen, für das wir in der Realität unseres Alltages zu beschäftigt sind. Hier nehmen wir wahr, wie tief die Geschichte und die Glaubensgeschichte unsere heutigen Entscheidungen prägen.

Programmatisch wollen wir dies anhand des Chiffres „Jerusalem“ in verschiedenen Sichtweisen musikalisch beleuchten. Im Mittelpunkt steht dabei die Bachkantate BWV 46 „Schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei“ (BWV 46), die er 1723 in Leipzig komponierte. Davon ausgehend werden verschiedene Kompositionen erklingen, die das Sujet „Jerusalem“ sowohl als Projektionsfläche eines biblischen Ideals als auch als Sinnbild unserer menschlichen Schwächen und Realität verwenden. Auch eine Uraufführung des israelischen Komponisten Simon Sargon ist vorgesehen, die einen modernen Impuls gibt und die Leipziger Barockmusik in einen internationalen Kontext stellt.

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